verfall der tuerkischen lira ungewissheit am morgen danach - Verfall der türkischen Lira: Ungewissheit am Morgen danach

Am Morgen nach dem Verfall der türkischen Lira sind die Menschen verunsichert. Sie versuchen zu verstehen, was der Absturz für sie bedeutet – und bereiten sich darauf vor, dass es weiter bergab geht.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Auf der Titelseite einer türkischen Zeitung steht in großen roten Buchstaben: “Tsunami”. Dazu eine Welle aus Geldscheinen. Die Medien kennen kaum noch ein anderes Thema als die Währungskrise. Fernsehsender übertragen die Beschwörungsreden von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

“Der Dollar kann uns nicht bremsen”, sagt er. “Da macht Euch mal keine Sorgen! Aber ich appelliere noch einmal an Euch: Wenn ihr Dollars, Euros oder Gold unter dem Kissen habt, geht damit zur Bank und tauscht sie in türkische Lira um. Das ist ein Wirtschaftskrieg gegen uns.”

Und die Türkei werde ihn nicht verlieren, sagt Erdogan. Heute warnte er in einem Gastbeitrag der “New York Times”: die Krise zwischen beiden Ländern könnte weiter eskalieren. Sollte die US-Regierung die Souveränität der Türkei nicht respektieren, dann könne die Partnerschaft in Gefahr sein.

“Die Leute wollen Devisen”

Murat arbeitet in einer Istanbuler Wechselstube. Hinter ihm rattert die Geldzählmaschine. “Es gibt eine hohe Nachfrage nach Dollar”, erzählt er. “Wir haben in den letzten paar Tagen kaum Dollar gekauft, eher verkauft. Die Leute wollen Dollar, wollen Devisen, weil sie überzeugt sind, dass die Devisen gegenüber der Lira noch weiter an Wert gewinnen werden.” Und die Lira damit noch weiter in den Keller geht.

Wirtschaftsjournalist Cünet Paksoy sieht allerdings keine rationalen Gründe für das, was gestern passiert ist. “Der Kurs steigt aufgrund politischer Entwicklungen an, nicht aufgrund wirtschaftlicher”, glaubt er. “Das ist eine spekulative Attacke. Das ist ganz offensichtlich. Die wirtschaftliche Dynamik eines Landes kann sich doch nicht binnen eines Tages oder einer Woche so dramatisch verändern.” Die türkische Wirtschaft verdiene diese Währungsverhältnisse nicht.

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Resultat einer “jähzornigen Außenpolitik”

Auch den jungen Istanbuler Aycan betrifft die Währungskrise. Er betreibt ein Restaurant. “Ich kaufe für meine Küche viele Importprodukte ein”, erzählt er. “Zum Beispiel Soßen und Gewürze aus Europa, den USA oder Fernost. Jede Woche gebe ich eine Bestellung auf, und jede Woche muss ich mehr Geld bezahlen, weil sich die Produkte verteuern.” Mittelfristig müsse er die Preise auf der Karte erhöhen, befürchtet er. “Mir bleibt nichts anderes übrig.”

Fraglich ist nur, ob die Löhne der Menschen auch so schnell steigen werden. An diesem Morgen nach dem schwarzen Freitag scheint alles ungewiss. Aycan überlegt kurz. Dann kann er sich deutliche Kritik an der eigenen Regierung nicht verkneifen. Sein Ärger ist zu groß. “Die Türkei verfolgt eine aggressive, jähzornige Außenpolitik”, sagt er. “Das Resultat sind Entwicklungen wie die Reaktionen der USA in Form von einer Verdoppelung der Strafzölle für Stahl und Aluminiumexporte der Türkei.” Dabei müsse doch ein Vertrauensklima geschaffen werden für Investoren, die in der Türkei Geld anlegen oder investieren wollen.

Kann alles mit einem Tweet aufhören?

Önder ist an diesem Morgen mit seinem gelben Taxi auf den verstopften Straßen Istanbuls unterwegs. Klar ist auch er betroffen. Die Spritpreise werden zwar gerade subventioniert – doch was ist, wenn das ausläuft? Er ist für einen radikalen Schnitt: “Aus dem Ausland nichts einkaufen, wenn möglich auf einheimische Produkte zurückgreifen. In dieser Lage müssen wir unsere Beziehung zum Dollar abbrechen. Das müssen wir einfach.”

Dabei hatte Finanzminister Berat Albayrak gestern versucht mit seinem Maßnahmenpaket gegenzusteuern. Es ging unter durch den Tweet von US-Präsident Trump, der angekündigte Strafzölle auf türkischen Stahl und Alumnium zu erhöhen.

Paksoy, der Wirtschaftsjournalist, schlägt eine andere Lösung vor: “Wenn alles mit einem Tweet anfängt, kann auch alles mit einem Tweet wieder aufhören. Das hört sich an wie ein Witz, ist aber Tatsache.”

Über dieses Thema berichtete am 11. August 2018 die tagesschau um 03:03 Uhr und Deutschlandfunk um 12:28 Uhr.

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/tuerkei-waehrungsverfall-101.html

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